Eine kurze Geschichte des New Eastern Jazz oder: "Alter, der Dude kann shredden!"



Ich kann mich noch gut an den allerersten Gig erinnern, den ich mit Moy Avaz gespielt habe. Da hatten wir die Band gerade erst gegründet.


Wir durften auf einem kleinen, gemütlichen Kulturfestival auftreten, vor einem bunt gemischten Publikum. Es waren weder Jazz-Connaisseure noch Fans von Balkan-Folklore da, und so hatten unsere Premierengäste keine Ahnung, was sie von der Ankündigung halten sollten, zwischen Improtheater und Tanzshow werde eine Stunde lang "Balkan-Jazz" dargeboten.


Uns war natürlich klar, dass wir in dem Festivalprogramm einen Ausreißer darstellten. Und nachdem wir zwar viel Zeit im Proberaum zugebracht, aber noch nie vor Publikum gespielt hatten, waren wir ein klein bisschen nervös, was für Reaktionen wir wohl bekommen würden.


Wie ist es uns also ergangen?


Sagen wir: Wir wurden eiskalt erwischt!


Denn nach unserem letzten Song riefen die Leute nach Zugaben und fragten, wo sie unsere CD kaufen könnten. Und wir konnten weder mit dem einen noch mit dem anderen dienen.


Erst mit dem Schlussapplaus an jenem Abend wurde mir bewusst, was für eine wundervolle und außergewöhnliche Schöpfung uns mit Moy Avaz gelungen war. Die kostbare, sehr lebendige Energie, die an diesem Abend zum ersten Mal auf der Bühne zu spüren war (und die nur auf der Bühne und nicht im Proberaum entsteht...), machte mir klar, dass es für die Musik, die wir spielten ein viel größeres Publikum geben musste!

Die Kunst der Verbeugung (bitte donnernden Applaus vorstellen)

Mir wurde aber auch schnell bewusst, dass es eine Menge Arbeit bedeuten würde, den Menschen zu erklären, WAS für eine Art Musik wir eigentlich spielen.


Ich meine, wir wussten ja selbst nicht, wie wir sie nennen sollten.


Strand, Sozialismus und Return to Forever

Was hat es also mit diesem Fusion-meets-Akkordeon-/Balkan-trifft-Jazz-Quartett auf sich? Wie kam es dazu, dass sich vier Jungs aus vier verschiedenen Ländern zusammengetan haben, um eine Musik zu spielen, die so schwer in Worte zu fassen ist, dass sie einen Namen dafür erfinden mussten?


Boris und ich kennen uns am längsten. Wir sind uns 2007 in der Neuen Jazzschool München zum ersten Mal begegnet und bald Freunde geworden. Vom Jazz-Trio bis zur Oktoberfest-Band haben wir seither in allen möglichen Konstellationen zusammen gespielt. Und warum auch nicht? Jede Musik macht Spaß, wenn so ein Typ wie Boris an Bord (und am Bass) ist!


Boris Boskovic ist quasi am Strand großgeworden, in der historischen Stadt Pula an der kroatischen Adria. Sein musikalisches Erweckungserlebnis hatte er als Teenager, als er eine der Audio-Kassetten mit amerikanischer Musik in die Finger bekam, die damals im sozialistischen Jugoslawien die Runde machten - und so zum ersten Mal Chick Corea's Return to Forever zu hören bekam.


Das muss ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein. Jedenfalls schnitt er sich schon bald nach dieser Initialzündung seine langen Rockstar-Haare ab und begann sich intensiv mit Funk und Fusion auseinanderzusetzen.

Boris und ich, in einer Zeit lange vor Moy Avaz

Die Musiktraditionen seiner Heimatregion, des Balkan, waren für Boris' Entwicklung als Musiker und Komponist allerdings nicht weniger bedeutend. Als er mir 2015 einige seiner neuesten Stücke zeigte, war jedenfalls genau diese charakteristische Mischung, die den Stil von Moy Avaz auch heute ausmacht, schon greifbar. Ungerade Takte, südosteuropäische Melodien, jazz-typische Improvisation und ein von Fusion geprägter Grundsound.


Ich muss ja zugeben, meine Jugend in einem Münchner Vorort war von Boris' Background recht verschieden. Ich kann mir keinen weniger mediterranen und weniger sozialistischen Ort vorstellen als den, in dem ich aufgewachsen bin. Und musikalisch gesehen... nun ja, dieses fröhliche (und sehr erfolgreiche) junge Paar lebte damals in meiner Nachbarschaft:

(Tschuldigung!)


Trotz alledem: Aus irgendeinem Grund hatte ich schon immer ein Faible für ungewöhnliche Rhythmen. Und indem ich als 18-Jähriger John McLaughlins Mahavishnu Orchestra rauf und runter hörte (und ein paar Jahre später bei einer mehrwöchigen Bulgarienreise eine Vorliebe für den Musikfernsehsender Folklor TV entwickelte), legte ich, ohne es zu ahnen, schon eine recht solide Basis für die Herausforderung, in 7er oder 11er-Takten zu spielen.


Auf jeden Fall war ich für die Idee, um Boris' Kompsitionsideen herum eine Band aufzubauen, sofort Feuer und Flamme.


Ungefähr zu der Zeit, als Boris und ich uns daran machten, erste Arrangements auszuarbeiten, zog ein junger talentierter Schlagzeuger, Dzenan Suntic, aus Serbien nach München, um hier zu studieren. Noch bevor Dzenan einen halben Satz auf Deutsch spreechen konnte, hatte Boris, ganz der Netzwerker, schon Tuchfühlung aufgenommen und ihn zu einer Probesession eingeladen.

Dzenan, an seinem Lieblingsplatz

Was soll ich sagen? Wir waren uns sofort einig, dass Dzenan die perfekte Ergänzung für unsere im Werden begriffene Band war. Serbische Volksmusik ist voll von interessanten, aber tanzbaren Rhythmen und während sich Dzenan darin ganz zu Hause fühlt, ist er zugleich ein hervorragender Fusion-Drummer. Und er ergänzte den Bandsound auch noch um einen subtilen orientalischen Einschlag, indem er eine Darbuka-Trommel in sein Schlagzeug einbaute!


Die Lösung lautet: mehr Akkordeon!

Es wurde also langsam ernster, wir begannen zu proben und die Vorstellung, unsere Musik auf die Bühne zu bringen wurde greifbarer...


Allerdings gab es da noch eine klitzekleine Herausforderung.


Sooo klein eigentlich auch wieder nicht...


Die Musik, die in unserem Proberaum langsam Gestalt annahm, war jetzt schon besonders, aber auch noch irgendwie unvollständig. Bald war uns klar, dass die Stücke eigentlich für ein Quartett gemacht waren. Es musste eine vierte Stimme her! Und man kann wohl sagen, dass wir bezüglich unseres neuen Bandmitglieds recht spezielle Anforderungen hatten.


Wir wollten unser bestehendes Trio aus Keyboards, Bass und Schlagzeug gerne mit einem volkstümlicheren Instrument ergänzen, sodass die traditionellen Wurzeln unserer Musik deutlicher wahrnehmbar wären. Dafür suchten wir nun jemanden, der gleichermaßen in osteuropäischen Melodien, Rhythmen und Harmonien UND in der modernen Sprache von Jazz, Funk und Fusion beheimatet sein sollte. Jemand, der improvisieren und bei vielen Stücken die führende Stimme übernehmen konnte, aber gleichermaßen darin geübt war, Teil einer Rhythmusgruppe zu sein, um Keyboard- oder Bass-Soli zu begleiten.


Wir wälzten eine Reihe von Optionen, ohne zu wissen, ob es den Musiker unserer Träume überhaupt irgendwo in unserer Nähe gab. Bis ein Freund der Band uns Vlad vorstellte!


Vladislav Cojocaru wuchs in Moldaiwen auf, griff im Alter von neun Jahren erstmals zum Akkordeon und zog schon ein Jahr später aus seinem Elternhaus aus, um in Chisinau traditionelles Akkordeon-Repertoire zu lernen. Von dort zog es ihn später nach München, wo er Klassik und Jazz studierte.

Vlad, "in the zone"

Man kann also sagen, der Mann hat Ahnung von seinem Instrument!


Aber das Einzigartige an Vlad ist seine Vielseitigkeit als Gruppen-Spieler. Er klingt im Tango-Duo genau so überzeugend wie in seiner selbst produzierten elektronischen Musik. Sein Spiel kann mindestens so herzzerreißend-sentimental sein, wie man es von einem moldauischen Akkordeonisten erwarten würde, andererseits erhielt er von einem Metal-Fan im Publikum einmal das Prädikat: "Alter, der Dude kann echt shredden!"


Wovon wir vorher nur eine abstrakte Vorstellung hatten, wurde uns in der ersten Probe zu viert vollkommen klar: DAS ist der Sound von Moy Avaz!


"Normalerweise mag ich ja keinen Jazz, aber..."

Das ist also die Geschichte, wie wir vier uns gefunden und unsere individuellen Stimmen zu einem Bandsound vereint haben. Als das Quartett erst einmal komplett war, dauerte es nicht mehr lange, bis wir unseren ersten Auftritt hatten - und diese magische Bühnenenergie ihr Übriges tun konnte.


Seit jenem ersten Auftritt auf diesem kleinen Festival zwischen Improtheater und Tanzshow (...und mittlerweile haben wir übrigens eine Zugabe UND ein Album, das wir bei solchen Gelegenheiten verkaufen) hat sich die Erfahrung von damals regelmäßig wiederholt.


In Musik-Clubs, überfüllten Kleinkunstbühnen, bei Festivals und sogar in Online-Konzerten: Menschen, die nicht erwartet hätten, dass ihnen jemals etwas gefallen würde, das sich Jazz nennt und die zuvor weder mit Balkan-Folklore noch mit Akkordeon-Musik in Berührung gekommen waren, wippen, tanzen oder träumen zu diesem Sound, für den wir noch immer keinen besseren Namen kennen als den, den wir selbst erfunden haben:


"New Eastern Jazz".


vier Musiker, die so tun, als würden sie gerade nicht in einer künstlichen Landschaft posieren

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